Ingo Veltum - Bilder und Plastiken

Ausstellung Raiffeisenbank Geilenkirchen 21.Mai 2015

Ingo Veltums Arbeiten entziehen sich einer schnellen Einordnung.

Sind sie gegenständlich - oder doch abstrakt? Sie stellen keine bestimmten Abschnitte der Realität dar, also etwa Landschaften, oder Stillleben oder Menschen, überhaupt enthalten sie keine Darstellungen, damit bleibt ihr äußerlicher Sinn zunächst im Verborgenen.

Die Bilder enthalten keine Raumtiefe, sondern sind absolut auf die Fläche bezogen; auch ein evtl. erkennbarer Gegenstand hebt sich nicht vom Untergrund ab, sondern bleibt auf gleicher Ebene. Ja, manchmal scheint der Gegenstand tiefer als die Umgebung zu liegen bzw. es tritt ein optischer Wechsel der Ebenen auf.

Beide Erscheinungen kennen wir aus der Kunst des ägyptischen Reliefs, den Keramikern als „Flach-Positiv-Schnitt“ bekannt (Antike). Ingo Veltums Bilder „schildern“ nichts, es wird kein Vorgang deutlich, sondern es besteht ein Zustand.

Lassen wir die Frage offen, zu welcher Kunstrichtung die Arbeiten tendieren.

Stellen wir fest, dass seine Bildern nicht etwas darstellen, sondern als sie selbst gemeint sind.

Seine strukturierten Oberflächen sind immer materialhaft und sind selbst eigenständige Wirklichkeit. Sie schaffen keine imaginären Farbwirkungen, sondern bilden eine reale, stofflich realisierte Wirklichkeit, die nicht hinterfragt werden muss, gar nicht hinterfragt werden kann. Dafür ist sie zu konkret greifbar und selbst absolute Realität.

Einfache Formen bilden zeichenhafte Andeutungen, manchmal wie Keime oder Embryonen aussehend, Vorstufen des beginnenden Lebens? Immer einfach – zeichenhaft - ganz und gar reduziert auf die Fläche, keine Plastizität, keine Differenzierung, einfach ein Symbol in einer wie in grauer Vorzeit liegenden Wirkung.

Mit allen Techniken der modernen Kunst und der entsprechenden Beherrschung durch den Künstler vermittelt er uns aber das Gegenteil: Die Bilder wirken untechnisch, ursprünglich, als etwas, was erst „noch was werden soll“, als Keim, als Urform beginnenden Lebens, zeichenhafte Versuche einer Aneignung von Realität längst vergangener Kulturen.

Das macht die Bilder so überzeugend, so wahrhaftig und ohne jede Eleganz einer technisch hochstehenden Darstellungskunst.

Bei Ingo Veltum liegt das technische Können darin, den gegenteiligen Effekt erreichen zu wollen, was natürlich auch eine genaue Kenntnis der Materialien und ihrer Technologie bedeutet.

Das symbolisch Angedeutete, das zeichenhaft auf einfachste Form gebrachte Objekt in seiner Reduzierung ist Ingo Veltums Streben.

So fehlt auch jede geometrische Anordnung als gewollte Formwerdung, keine exakten Linienführungen. Die Bilder scheinen durch andere Vorgänge wie zufällig entstanden in einer Zeit, lange vor uns, in den Sand geschrieben, als habe er sie als Artefakte gefunden, als archäologische Artefakte, magische Gegenstände oder Symbole, deren Bedeutung in historischer Sicht nicht mehr möglich ist und deren Erscheinen heute auf längst Vergessenes weist.

Das Symbol war und ist der Vermittler von religiösen oder gesellschaftlichen Ideen.

In diesem Sinne wird die materielle Kultur vom Menschen geschaffen und gleichzeitig wird der Mensch von ihr geprägt. Hier irgendwo scheint mir der Schwerpunkt und die Funktion der Arbeiten von Ingo Veltum zu liegen, als keineswegs im Bereich des „schönen“ Bildes oder des dekorativen Wandschmucks. Seine Farbigkeit bleibt verhalten, Naturfarben, Gesteins-, Sand- und Mineralfarben bestimmen die Palette. Rost als Zeichen der vergangenen Zeit spielt manchmal eine Rolle. Dies besonders in seinen Plastiken.

Die Farben treten selbst als Material auf, nicht als Oberfläche.

Wenn ein Künstler mehrere Sachgebiete bearbeitet - Ingo Veltum schafft auch plastische Formen - ist es dem Referenten möglich, seine gesehenen Erfahrungen - und vermeintlich richtigen Antworten zu bestätigen oder zu revidieren.

Ich sehe unsere bisherigen Wahrnehmungsvorgänge bestätigt.

Auch in seinen plastischen Arbeiten bleibt Ingo Veltum auf die Fläche bezogen. Seine Plastiken sind eigentlich gar keine, sondern aus einer Fläche ausgeschnittene Formen, die absolut im 2-dimensionalen bleiben.

Scherenschnittartig – Sie kennen die Darstellung von menschlichen Gesichtern aus der Zeit vor der Entwicklung der Fotografie. Er kannte nur eine einfarbige – meistens schwarze – auf die Fläche bezogene Darstellung im Profil – eben der flächigsten Darstellungsmöglichkeit.

Es entstehen wie aus einer dicken Platte herausgeschnittene Formen die silhouettenhaft bleiben, also ganz auf den Umriss beschränkt sind.

Die besondere Wirkung entsteht durch die Art des Ausschneidens: kein sauberer Schnitt mit dem Plasma-Schneider und einer exakten Linienführung. Herausgebrochen, Herausgerissen scheinen die Formen zu sein und in der nur 2-dimensionalen Ansicht entsteht eine unregelmäßige, zufällig wirkende Form mit ungenauen Umrissen – wie ausgefranzt – also kein genauer, eindeutiger, fester Umriss, was der Flächenplastik den Eindruck einer Bewegung vermittelt, wie bei einem verwackelten Foto, was denselben Eindruck wiedergibt, eben weil sich z.B. eine Person während der Aufnahme bewegt hat und diese Bewegung überträgt sich jetzt als Wirkung auf den Betrachter.

Und auch die „Schnittränder“ zeigen keine glatte Wandung, vergrößern die Wirkung der Ungenauigkeit und damit den Moment einer Bewegung und damit eine zeitliche Komponente. Die Plastiken lassen sich nicht auf einen genauen Zeitpunkt festlegen.

Das vergrößert wiederum den Eindruck des nicht bewusst technisch genau Realisierten. In Verbindung mit der Rostpatina ergibt sich wie bei den Bildern der Eindruck von etwas nicht-mehr-eindeutig Definierbaren.

Es bleibt noch anzumerken, dass die Plastiken vorläufige Entwürfe in einem faksimile Material sind, die erst bei Bedarf – oder besser gesagt – bei Auftrag in das originale Material übertragen werden.

Eine schlichte Kostenfrage für den Künstler.

Kultur ist das vom Menschen geschaffene Gegenprodukt zur Natur und damit die Basis auch der heutigen Gesellschaft.

Ingo Veltums Arbeiten tragen zu dieser Erkenntnis bei.

Prof. Dieter Crumbiegel

 

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